Rosemarie Nitribitt und der Mercedes-Benz 190 SL

Es gibt Autos die durch ihre Besitzer zu trauriger Berühmtheit gelangt sind und deren Geschichte auch nach mehr als 50 Jahren noch allgegenwärtig ist. Der Porsche 550 Spyder mit dem der begnadete James Dean 1955 auf der Fahrt zu einem Rennen tödlich verunglückte, gehört zu den Parade-Beispielen. Der pinkfarbene Ford Thunderbird mit dem ausgefallenen „Opera Window“-Hardtop der 1962 unter rätselhaften Umständen ermordeten Film-Ikone Marylin Monroe ist ein weiteres Beispiel.

Und dann gab es im Jahr 1957 den ebenfalls bis heute ungeklärten Mord an Rosemarie Nitribitt. Dieser Name steht im kollektiven Gedächtnis vor allem der älteren Generation im direkten Zusammenhang mit dem Mercedes-Benz 190 SL. „Das war doch das Auto von der Nitribitt“ pflegen in der Regel etwas ältere Herren mit verschmitztem Lächeln zu äußern, wenn Sie vor einem 190 SL in unserer Fahrzeugpräsentation stehen – richtig – das Nitribitt Auto! Was hat es mit dieser Geschichte, um die sich bis heute viele Legenden ranken, auf sich? 

Es ist der 1. November 1957, als die Frankfurter Polizei die luxuriöse Wohnung der Rosemarie Nitribitt betritt und die Edelprostituierte mit eingeschlagenem Schädel und Würge-Merkmalen am Hals vorfindet. Der Mord, so wird recherchiert, geschah wohl drei Tage zuvor, was jedoch später wieder angezweifelt wurde. Darüber hinaus fehlten rund 30.000 DM wertvoller Schmuck und ein Nerzmantel. 

Wer war „das Mädchen Nitribitt“? Sie war ein Kind aus einfachsten Verhältnissen, die älteste von drei Töchtern, die ohne Vater aufwuchsen, jedes Mädchen hatte einen anderen Erzeuger. Sie wurde missbraucht, weggesperrt, misshandelt, war immer aufmüpfig und angriffslustig und landete in immer strengeren Erziehungsheimen aus denen sie immer wieder abhaute. Sie kam zu Pflegeeltern, wurde mit 11 von einem 18 Jährigen vergewaltigt, nahm bereits mit 14 eine Abtreibung vor und hatte schon früh wechselnde Beziehungen. Irgendwann fing sie an für Geld und Naturalien zu schlafen und ging im Alter von 20 Jahren nach Frankfurt. 

Innerhalb von vier Jahren etablierte sich Rosemarie Nitribitt dort als Top-Prostituierte und ging ab 1956 in ihrem legendären schwarzen Mercedes 190 SL auf Kundenfang. Sie residierte in einem für damalige Verhältnisse hypermodernen Apartment-Haus, begann Sprachen zu lernen und versuchte mit gewissem Talent sich das Auftreten einer Dame der großen Gesellschaft anzueignen. Und damit hatte sie Erfolg – großen Erfolg! Denn bald zählten hochgestellte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Sport zu ihren „Kunden“, die sie zum Teil mit Hingabe verehrten. Darunter zählten z.B. Sprösslinge des Großindustriellen-Clans Quant oder Bohlen und Halbach. Die Liebesbriefe von Harald von Bohlen und Halbach, die dieser an sein „Fohlen“ schrieb, wurden Jahrzehnte nach dem Mord veröffentlicht. 

Der Mord an der der „Lebedame aus Frankfurt war im prüden Nachkriegs-Deutschland der Adenauer Ära ein riesiger Skandal. Die Presse befasste sich wochenlang mit dem Thema und die Zeitschrift Quick bot sage und schreibe 50.000 DM für die Ergreifung des Mörders. Man muss sich vorstellen, dass man sich in den fünfziger Jahren für diesen Betrag fast schon ein luxuriöses Einfamilienhaus bauen konnte. Der Betrag sollte jedoch nie ausbezahlt werden. Polizei und Justiz wollten offenbar nicht wirklich wissen, wer Rosemarie Nitribitt ermordet hatte. Es wurde unglaublich schlampig recherchiert, Notizbücher mit „Kundenadressen“ und belastende Dokumente aus den Akten gingen auf rätselhafte Art verloren. Trotz 500 Zeugenaussagen und 5.000 Aktenseiten verliefen alle Ermittlungen im Sand. Es gab offensichtlich eine ganze Reihe prominenter Persönlichkeiten, die sehr großes Interesse daran hatten, dass ihr Name nicht in der Presse auftauchten würde. Keine der vielen Spekulationen konnte jedoch eindeutig bewiesen werden, denn man vermutet bis heute, dass viel (Schweige)geld dabei im Spiel war. Ein Hauptverdächtiger, der enge Freund der Ermordeten, wurde drei Jahre nach dem Mord angeklagt, am Ende jedoch wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. 

Bereits ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod von Rosemarie Nitribitt wurde mit Nadja Tiller als Nitribitt-Darstellerin der erste Film über den Fall gedreht. Die Dreharbeiten wurden heftig kritisiert und der Dreh war, wie Nadja Tiller es einmal beschrieb, ein Kesseltreiben. „Die Mercedes-Benz Niederlassung an der Kaiserstraße, bei der die Nitribitt Kundin war, verbat sich in einem Film über die Prostituierte gezeigt zu werden. Wir haben dort heimlich gedreht, im Morgengrauen, die Kamera stand in einem Bus mit schwarzen Vorhängen – alle sprangen im Quarree und waren total hysterisch! „Das Mädchen Rosmarie“ wurde ein Welterfolg und machte seine Hauptdarstellerin (und den Mercedes 190 SL) zum Star. 

Es wurden weitere Filme gedreht und bis in die jüngste Zeit Bücher über Rosemarie Nitribitt geschrieben. Die skurrile Faszination an dem Thema zeigt sich darin, dass ihr Totenschädel bis heute das Glanzstück in einer Ausstellung über sie ist. 

Aber was wurde nun aus dem Mercedes 190 SL, mit dem sie in nur anderthalb Jahren 42.000 km gefahren war? Nitribitt kaufte das Auto als Neufahrzeug bei der Mercedes-Benz Niederlassung in Frankfurt in schwarzer Lackierung und roter Lederausstattung und es wurde von ihr im Mai 1956 zugelassen. Nach ihrem Tod war ihre Mutter Alleinerbin und verfügte somit auch über den SL. Sie verkaufte ihn an einen Gebrauchtwagenhändler in Düsseldorf für 12.000 DM , der das Auto für 13.300 DM an einen Hamburger Reederei-Fachmann weiterverkaufte. Dieser hatte einen Unfall und veräußerte ihn im verunfallten Zustand an einen Gebrauchtwagen-Händler, der das Auto wiederum für 8.500 DM an einen Tankstellenbesitzer weitergab. Der Wagen wurde repariert, in silbergrau umlackiert und vermutlich wieder verkauft. Danach verliert sich die Spur des Nitribitt SL, bis jedoch im Januar 1970 folgende Gebrauchtwagen-Anzeige in der Auto Motor & Sport erschien: 

„Einmalig - 190 SL der Nitribitt. Zugel. 18.05 1956 Frankfurt M. Kennz. H 70 – 6425 Cabriolet mit Hardtop und Verdeck. Zuschriften unter Nr. 247 64426“ 

Nitribitts 190 SL lebte 1970 also noch! 

Ein möglicher Käufer konnte jedoch nicht mehr ermittelt werden. Letzte Informationen besagen, dass der 190 SL im Jahr 1975 auf einem Schrottplatz in München gesichtet wurde. Und dann gibt es noch eine allerletzte Anekdote über das Auto: In einem Interview „bei Beckmann“ erzählte Karl Lagerfeld vor einigen Jahren, er hätte das Nitribitt Auto einmal besessen, damit einen Unfall gebaut und sei danach nie wieder Auto gefahren. 

Rosemarie Nitribitt war übrigens zum Zeitpunkt ihres Todes dabei ihren 190 SL gegen ein neues Mercedes 300 S Coupé einzutauschen und hatte mit dem Mercedes-Benz-Verkäufer bereits darüber verhandelt. Ihre Kunden hatten sich über den unbequemen Einstieg in den Sportwagen beklagt! Übertragen auf heute, würde das bedeuten, dass eine aus ärmsten Verhältnissen stammende Prostituierte mit 24 Jahren beabsichtigt, einen Maybach zu kaufen. 

Zweifellos musste Rosemarie Nitribitt über ganz ein außergewöhnliches Charisma verfügt haben!