60 Jahre Mercedes-Benz 190 SL

Es gibt in der Automobilgeschichte die großen Namen von Konstrukteuren und Designern. Es gibt aber auch jene Größen, die mit automobilem Sachverstand und einem untrüglichen Gespür für den Automobilmarkt Entwicklungen beeinflusst und damit entscheidende Weichen-stellungen bewirkt haben. Eine solche Persönlichkeit war in den Anfangsjahren des Automobils Emil Jellinek und zirka fünf Jahrzehnte später Max Hoffmann, der in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der wichtigsten Mercedes-Benz Importeure in den USA war.

Mit dem Ziel den Absatz von Mercedes-Benz Fahrzeugen in den USA zu steigern, forderte er im Sommer 1953 in einer legendären Vorstandssitzung von den Daimler-Benz Vorständen die Entwicklung einer Serienversion des im Jahr 1952 sensationell erfolgreichen Rennsportwagens 300 SL "Gullwing" und daneben als preisgünstigere Variante einen eleganten Reise-Sportwagen, der auch in größeren Stückzahlen gebaut werden sollte. 

Beide in ihrem Design eng verwandten Fahrzeuge wurden daraufhin ab September 1953 unter Hochdruck in Rekordzeit entwickelt und bereits fünf Monate später (!) im Februar 1954 als Prototypen auf der International-Motor-Show in New-York präsentiert. Das Publikum und die Fachpresse waren begeistert und die Entscheidung der Realisierung war damit endgültig beschlossene Sache. Der 300 SL "Flügeltürer" stand bereits wenige Monate später ab August 1954 in den Showrooms der Händler, der 190 SL ging im Frühjahr des Jahres 1955 in Produktion. 

Es gibt Formen die man nicht verbessern kann. Das Design des 190 SL kann aus jeder Perspektive als perfekt bezeichnet werden. In seiner achtjährigen Bauzeit von 1955 bis 1962 gab es bis auf minimale Detailänderungen (Innentürgriffe, Rückleuchten, Tankverschluss und ähnliches) keinerlei Facelifting, was für die Qualität des Entwurfes spricht. Auf Wunsch gab es ein Hardtop, das bei der in geringer Stückzahl gebauten sogenannten Coupé-Ausführung ohne Faltverdeck zum Lieferumfang gehörte. 

Die Automobil-Revue schrieb 1956: „Mit seiner eleganten Form und der flachen Motorhaube mit der neuen, vom 300 SL übernommenen niedrigen und breiten Kühlerfront wird der Mercedes 190 SL allgemein als die schönste Schöpfung des Hauses Daimler-Benz betrachtet.“ Ohne jeden Zweifel dokumentieren der 190 SL wie auch der parallel entwickelte 300 SL Jahrhundert-Entwürfe des Automobil-Designs, die in die Geschichte eingegangen sind. 

Der auf dem verkürzten Chassis des 1954 eingeführten Ponton-Modells 180 aufgebaute 190 SL, besitzt vorne Dreiecksquerlenker und hinten eine Eingelenk-Pendelachse sowie Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpfer, was dem Wagen in Verbindung mit den großzügig dimensionierten Trommelbremsen zu sicheren und sehr gut beherrschbaren Fahreigenschaften verhilft. Der 1,9 l Vierzylinder-Motor mit obenliegender Nockenwelle, Doppelvergasern und 105 PS war eine Neuentwicklung und wurde ab 1956 mit reduzierter Leistung in die 190er Ponton-Limousinen eingebaut. Die weitgehend verwendete und gut beherrschbare Großserien-Technik war die Gewähr für eine hohe Alltagstauglichkeit und eine lange Lebensdauer des eleganten Reise-Sportwagens. 

Kaum ein anderes Auto dokumentiert als automobile Ikone der Nachkriegsjahre das deutsche Wirtschaftswunder so sehr wie der Mercedes-Benz 190 SL. In kürzester Zeit eroberte er die berühmten Pracht-Boulevards der Welt und war in einer Fülle von Spielfilmen ein äußerst beliebtes Requisit vieler Leinwand-Stars. Und dann gab es da noch dieses mehr oder weniger skandalöse Ereignis mit dem der 190 SL bis heute, fast sechzig Jahre danach, noch immer in Verbindung gebracht wird. 

Es gibt eine ganze Reihe von Autos die durch ihre Besitzer zu trauriger Berühmtheit gelangt und deren Geschichten ebenfalls nach Jahrzehnten im kollektiven Gedächtnis vor allem der älteren Generation noch allgegenwärtig sind. Der Porsche 550 Spyder mit dem der begnadete James Dean 1955 auf der Fahrt zu einem Rennen tödlich verunglückte gehört zu den Parade-Beispielen. Der pinkfarbene Ford Thunderbird mit dem ausgefallenen "Opera Window" Hardtop der 1962 unter rätselhaften Umständen ermordeten Film Ikone Marylin Monroe, oder der von 167 Gewehr- und Pistolen-Kugeln durchsiebte Ford V8 des Gauner-Pärchens Bonny und Clyde  sind weitere Beispiele. 

Und auch der 190 SL hatte eine, vor allem nach ihrem gewaltsamen Tod bekannt gewordene Besitzerin, nämlich eine Dame des horizontalen Gewerbes über deren Leben sogar zwei Spielfilme gedreht wurden: „Das Mädchen Rosemarie“. Sie war ein Mädchen aus einfachsten Verhältnissen, machte mit offensichtlich besonderen Talenten und dem Auftreten einer Grande Dame eine steile Karriere in der Frankfurter Gesellschaft und ging mit einem stadtbekannten Mercedes-Benz 190 SL in schwarzer Lackierung und roter Innenausstattung, selbstverständlich aus Leder, auf Kundenfang. Rosemarie Nitribitt verfügte über ein exquisites Klientel hochgestellter Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, das ihr jedoch offensichtlich zum Verhängnis werden sollte. Denn im November 1957 lag sie mit eingeschlagenem Schädel und Würge-Merkmalen am Hals in ihrem Frankfurter Luxus-Appartement. Der Mord konnte unter äußerst mysteriösen Umständen niemals aufgeklärt werden. Die Polizei arbeitete "schlampig", wichtige Beweismittel wie auch ihr hochbrisantes Adressbuch waren bald verschwunden und die Ermittlungen liefen ins Leere. Ganz offensichtlich hatten einige Prominente mit sehr viel Einfluss ebenso viel an Ansehen und Position zu verlieren. 

Der Skandal schlug sehr hohe Wellen und führte im damals noch sehr prüden Deutschland der fünfziger Jahre tatsächlich zu einem deutlichen Rückgang der Absatzzahlen des 190 SL, die sich jedoch bald wieder normalisierten. "Das war doch das Auto von der Nitribitt" pflegen in der Regel etwas ältere Herren mit verschmitztem Lächeln zu äußern, wenn sie vor einem 190 SL in unserer Fahrzeug-Ausstellung stehen. Wie man sieht, gibt es die verschiedensten Möglichkeiten um in die Geschichte einzugehen. 

Heute ist der Mercedes-Benz 190 SL als einer der attraktivsten automobilen Vertreter mit dem Charme und der besonderen Ausstrahlung der fünfziger Jahre ein äußerst begehrter Oldtimer. Nur sehr wenige haben über all die Jahrzehnte in einem wirklich guten Zustand mit einer so erhaltenswerten Patina überlebt, dass eine Restaurierung nicht angebracht erscheint. Bei den meisten der noch existierenden 190 SL bedurfte, oder bedarf es hingegen noch einer Komplett-Restaurierung. Ein solches Fahrzeug, penibel aufgebaut mit sehr viel Fachkenntnis spezialisierter Fachbetriebe, ist alleine schon aufgrund der umfangreichen Rostschutz-Maßnahmen ein Automobil für die Ewigkeit. 

Neben dem Fahrerlebnis, den ein 190 SL seinem Besitzer vermittelt und den hochemotionalen Momenten einer nach Lust und Laune immer wiederkehrenden Reise in die Vergangenheit, ist der seit Jahren permanent steigende Wertzuwachs ein angenehmer Nebeneffekt. Und alle Prognosen weisen darauf hin, dass sein Wert, und das in jeder Beziehung, weiter steigen wird.